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Meine Kita 02_2015

6 | TITELTHEMA Schützende Faktoren Wenn in der Kindheit Bedingungen von Angst, Vernachlässigung und Gewalt langfristig einwirken und auch noch eine plötzliche Trennung von nahen Bezugs- personen die Situation verschärft, entwi- ckelt sich häufig eine komplexe Traumati- sierung. Ihr Ausmaß ist abhängig von der Art, den Umständen und der Intensität der traumatischen Einwirkung und besonders natürlich auch vom Entwick- lungsstand der Kinder. Bei den Umstän- den spielt vor allem eine Rolle, ob es vor, während und nach der Traumatisierung schützende Faktoren, wie etwa unterstüt- zende Bezugspersonen, gegeben hat. Traumatisierung als langfristiger sozialer Prozess Hans Keilson hat bereits in den 70er- Jahren in einer bisher weltweit einzig- artigen Langzeitstudie mit 400 durch den Naziterror traumatisierten jüdischen Waisenkindern das Konzept der „Sequentiellen Traumatisierung“ ent- wickelt. Er versteht Trauma als sozialen Prozess und zeigt, dass es für den Heilungsverlauf der Kinder eine ent- scheidende Rolle spielt, ob sie direkt nach den traumatischen Erlebnissen Wertschätzung und Unterstützung – oder im Gegenteil – Abwertung und Diskri- minierung erfahren. Die im Folgenden dargestellten aufeinander aufbauenden zeitlichen Sequenzen der Traumatisierung zeigen, wie sich ein Trauma nach und nach entwickelt: Sequenz 1 – Aufbruch In der ersten Sequenz geht es um die Entscheidung zur Flucht. Sie ist immer unfreiwillig und fremdbestimmt. Folgende Schlüsselfragen sind hier entscheidend: › Wie extrem sind die traumatischen Erlebnisse, die zur Flucht führen? › Wie plötzlich und überraschend geschieht das für die betrof- fenen Kinder? Wie nehmen sie ihre Eltern wahr, fühlen sie sich von ihnen geschützt? › Ist Abschied nehmen möglich? Werden die Kinder von Bezugspersonen wie Großeltern oder Spielkameraden gewaltsam getrennt? Meist sind kleine Kinder nicht aktiv an der Entscheidung zur Flucht beteiligt und sie können die Beweggründe der Eltern nicht wirklich nachvollziehen. Manche geflüchteten Kinder beklagen intensiv die Abwesenheit geliebter Menschen aus dem Herkunftsland und auch den Verlust vertrauter Orte. Ihr Leid äußert sich dann häufig über Wut und aggressives Verhalten, weil andere Ausdrucksformen nicht zur Verfügung stehen. Sequenz 2 – Flucht Die zweite Sequenz umfasst die Periode der Flucht, die sehr lange dauern kann, was wiederum die Gefahr neuer trau- matischer Erlebnisse mit sich bringt. Eltern und Kinder sind geschockt und betroffen und müssen gleichzeitig Stärke auf- bringen. Schlüsselfragen sind hier: › Fliehen sie allein oder mit einer Gruppe? › Ist die Flucht professionell organisiert? › Welche gefahrvollen Situationen, welche Ängste müssen bewältigt werden? › Wie lange dauert die Flucht, und wo endet sie? Sequenz 3 – die Kita kommt ins Spiel Die dritte Sequenz betrifft die Zeitspanne der Ankunft, die meist schockierend ist. Alles ist fremd. Der Fluchtort, meist ein provisorisches Erstauffanglager für Asylanten, garantiert keine wirkliche Sicherheit und entspricht den Erwartungen nicht. Im Vordergrund stehen die Unterkunft und die rechtliche Situation. Schlüsselthemen sind hier Sicherheit, Stabilisierung und Integration. Da wir alle am traumatischen Prozess beteiligt sind, können wir auch alle helfen, ihn weniger zerstörerisch zu gestalten. Gerade in der Kita gibt es viele Möglichkeiten, auf Heilungsprozesse positiv Einfluss zu nehmen. Das Gefühl der Fremdheit etwa kann durch gezielte Aktivitäten, wie ein Willkommensfest zu Beginn oder Angebote, die die Gemeinsamkeiten aller Kinder betonen und die Gemeinschaft stärken, gemildert werden. Flüchtlingskinder benötigen besonders viel Sicherheit und Anerkennung, um aus ihrem Trauma „herauswachsen“ zu können.

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