Please activate JavaScript!
Please install Adobe Flash Player, click here for download

Meine Kita 02_2015

www.meinekitaclub.de | 9 Ein sicherer Ort Kinder mit traumatischen Fluchterfahrungen brauchen oft besondere pädagogische Unterstützung. Traumapädagogin Julia Bialek erklärt, wie dies im Kita­Alltag umzusetzen ist. Text Julia Bialek B assam* ist fünf Jahre alt und lebt mit seiner Familie seit einem Jahr in Deutschland. Er wurde in Syrien gebo- ren und erlebte schon in seinen ersten Lebensjahren Krieg, Verlust von nahen Verwandten und schließlich die Flucht aus seinem Heimatland, die sich insgesamt über einen Zeitraum von fast einem Jahr hinzog. Der Start im Kindergarten vor sieben Monaten fiel ihm schwer. Er konnte kein Deutsch und wirkte sehr schüchtern. Nach einiger Zeit machte er sprachlich Fortschritte und schien gerne in den Kindergarten zu kommen. Sein Verhal- ten fordert aber sowohl die Kinder der Gruppe als auch die Fachkräfte immer wieder heraus. Er bekommt oft nicht richtig mit, was in der Gruppe passiert, wirkt wie erstarrt. In anderen Situationen provoziert er, zerstört die Spiele anderer Kinder, hält sich nicht an Regeln, die er eigentlich kennt und wird häufig von einer Sekunde auf die andere aggressiv. Dann verletzt er sogar andere Kinder und greift Erwachsene an. Kinder wie Bassam haben die existentielle Erfahrung gemacht, nirgendwo sicher zu sein. Hinzu kommen Erlebnisse von Be- drohung, Verlust und Gewalt, die Kinder mit großer Wahrscheinlichkeit noch lange verfolgen und sogar traumatisieren. Was bedeutet Traumatisierung? Traumatisierung bedeutet, dass im Gehirn eines Menschen eine Art Notfallprogramm aktiv wird, das die Steuerung übernimmt, um den Menschen vor weiteren Verletzun- gen und Grenzüberschreitungen zu schüt- zen. Die daraus entstehenden Verhaltens- weisen wie erhöhte Reizbarkeit, Angst und Aggressivität sollen verhindern, erneut einer Gefahrensituation hilflos ausgeliefert zu sein. Es sind natürliche Strategien eines Menschen, dessen Leben bedroht war. Sie stellen uns aber im pädagogischen Alltag oft vor große Schwierigkeiten, denn diese unbewusst entwickelten Strategien können nicht ohne Weiteres bewusst ge- steuert oder verändert werden und beste- hen auch dann weiter, wenn der Mensch sich in Sicherheit befindet. Sie fordern uns Pädagogen heraus, weil sie mit den üblichen erzieherischen Methoden nicht zu beeinflussen sind oder wir uns persönlich angegriffen fühlen. Deshalb benötigen Kin- der wie Bassam besondere Bedingungen, um das Gefühl von Sicherheit wiederzuer- langen und ihr Verhalten wieder regulieren und steuern zu können. DIE AUTORIN Julia Bialek, Diplom-Behinderten- pädagogin, systemische Familientherapeutin und Trauma- pädagogin/-fachbera- terin, hat langjährige Berufserfahrung in der heilpädagogischen Frühförderung. Sie berät Kindertagesstät- ten und gibt Fort- bildungen zum Thema Traumapädagogik im Traumapädagogischen Institut Norddeutsch- land Worpswede. www.tra-i-n.de Fotos:Privat;©DiegoCervo,LenLis/Shutterstock.com *Name von der Redaktion geändert.

Seitenübersicht