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Bildungspraxis 03_2015

AUSBILDUNG INKLUSION IN DER PRAXIS Für viele Gehörlose bleibt eine normale Berufsausbildung ein Traum. Wie dieser Traum zur Realität werden kann, zeigt eine Hamburger Zahnarztpraxis. Text Vincent Hochhausen Wenn in der Hamburger Zahnarztpraxis von Marianela von Schuler Alarcón Zahnstein entfernt oder Karies diag- nostiziert wird, verläuft die Arbeit nicht nur konzentriert, sondern es ist auch ungewöhnlich ruhig. Die Zahnärztin und ihre Helferinnen kommunizieren lautlos, verständigen sich mit Mimik und Gestik. Der Grund: Sie sprechen in Gebärdensprache miteinander. Sowohl die angehenden Zahnarzthelferinnen in der Praxis als auch viele der Patienten sind hörgeschädigt oder gehörlos. Seit 2012 bildet von Schuler Alarcón gehörlose Jugendliche zu Zahnmedi- zinischen Fachangestellten, kurz ZFA, aus – seit Oktober 2013 in ihrer eigenen Praxis mit einem eigens dafür erarbeitet- em Praxismodell. Das ist in Deutschland einmalig. Sie selbst hört ganz normal, aber sie spricht Gebärdensprache. Diese Art der Verständigung muss das ganze Praxisteam lernen, alle erhalten einmal pro Woche Unterricht, sonst würde die Kommunikation nicht funktionieren. An zwei Tagen pro Woche gehen die vier hörgeschädigten Auszubildenden zur Staatlichen Schule für Gesundheitspflege W4 und lernen dort zusammen mit Hö- renden. In der Schule hat jeder Gehör- lose einen eigenen Dolmetscher, der die Inhalte in Gebärdensprache übersetzt. Die Kommunikation mit den Mitschü- lern, zum Beispiel bei den Gruppenar- beiten, läuft oft über Tablet-PCs. Ein langer Weg Gleich nach dem Studium hatte von Schuler Alarcón sich dafür engagiert, dass Gehörlose besser in die Gesellschaft integriert werden. Durch ihren regen Kontakt mit Gehörlosen erfuhr sie, dass Arztbesuche für diese meist eine beson- ders unangenehme Erfahrung sind. Viele Gehörlose schie- ben Zahnarztbe- suche daher auf, bis es richtig ernst ist, und haben deshalb häufiger Zahnprobleme. In der Praxis, in der sie angestellt war, setzte von Schuler Alarcón – „mit stetiger Ermuti- gung“, wie sie sagt – durch, dass sie an einem Tag der Woche Behand- lungen nur für Gehörlose und Hörge- schädigte anbieten durfte. Der Andrang war gewaltig, Patienten reisten dafür aus ganz Deutschland an. Als sie dann den Plan fasste, gehörlose Zahnarzthel- fer auszubilden, stieß sie zunächst auf Skepsis: „Die Zahnärztekammer war zu Beginn leider nicht überzeugt von mei- ner Idee.“ Von Schuler Alarcón konnte mit ihren Argumenten überzeugen – schließlich starteten 2012 die ersten beiden Gehörlosen ihre Ausbildung. Unterstützung bei der Erarbeitung und Umsetzung des Konzeptes und der Abstimmung mit der Zahnärztekammer und dem Integrationsamt Hamburg bekam die Zahnärztin vom Beratungs- und Unterstützungszentrum Hamburg (BUZ) und der Beratungs- und Inklu- sionsinitiative Hamburg. So wurde ein Gebärdendolmetscher-Team aus sechs Personen aufgebaut, Schulungen für Pra- xismitarbeiter und Berufsschullehrkräfte organisiert und das Prüfungsmaterial für die Hörgeschädigten angepasst. Da es noch keine gehörlosen Zahnmedizi- nischen Fachangestellten gibt, existierten für die meisten Fachausdrücke außer- dem keine Gebärden. Diese mussten nach und nach erarbeitet werden. Die Herausforderung im Schulalltag Für die Lehrer und Schüler an der Berufsschule W4 war die Eingliederung der gehörlosen Azubis spannend, aber anfangs auch nicht ganz einfach. Die Gebärdendolmetscher in den Klas- sen waren ungewohnt für die Schüler. „Wenn jemand vorne steht und gebärdet Das gesamte Praxisteam applaudiert – in Gebärdensprache. Foto:©InDeafMed

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