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Bildungspraxis 02_2016

6 | ›› BILDUNGSPRAXIS – 02/2016   IM FOKUS „ Fotos: TOUCHED BY REALITY – Katrin Zeidler; © Goodluz / Shutterstock.com BILDUNGSPRAXIS: Haben Ausbilder einen Erziehungsauftrag? Tanja Köhler: Eigentlich nicht, davon steht ja nichts im Arbeitsvertrag des Ausbilders. Aber in der Praxis ist es schon so, dass Ausbilder korrigierend eingreifen müssen. Das Problem ist, dass schwierige Jugendliche besondere Zuwendung brauchen, die Ausbilder oft nicht leisten können – zeitlich nicht, und fachlich nicht, denn in vielen Fäl- len sind eigentlich therapeutische oder sozialpädagogische Kompetenzen ge- fragt. Hier muss das Unternehmen den Ausbilder in die Lage versetzen, sich in diesen Bereichen weiterzubilden. Was ist eigentlich ein „schwieriger Azubi”? Ob ein Azubi als schwierige Persön- lichkeit empfunden wird, hängt vom Ausbilder ab. Was für den einen kein Problem ist, ist für den anderen eine Horrorvorstellung. Das hat viel damit zu tun, mit welchen Persönlichkeits- strukturen ich in meinem privaten Umfeld gut oder weniger gut zurecht- komme. Ein Schüler, mit dem ich zu tun hatte, hat zum Beispiel permanent Penisse gemalt, was seine Lehrerin jedes Mal aufgeregt hat. Ich fand es eher amüsant, wir haben gemeinsam darüber gelacht. So war das Eis gebro- chen und wir konnten gut an seinem sonstigen Verhalten arbeiten, sodass er einen Ausbildungsplatz finden konnte. Was kann ein Ausbilder tun, wenn ein Azubi Verhaltensweisen zeigt, die nicht akzeptabel sind? Wichtig ist, nicht lange mit einer Intervention zu warten. Wenn das erste Bauchgefühl auftaucht, sollte man schon reagieren. Viele Ausbilder warten erst einmal ab, wie sich die Sache ent- wickelt. Das ist aber falsch, denn wenn man zu lange wartet, beeinflusst das die eigene Haltung gegenüber dem Azubi. Das nimmt der Jugendliche wahr. Zu- dem schiesst man leicht über das Ziel hinaus, wenn man schließlich eingreift. Am Anfang reicht dagegen oft schon eine ganz lockere Bemerkung, um dem Azubi das Problem bewusst zu machen. Sie sprachen von der eigenen Haltung. Was meinen Sie damit? Dem Ausbilder sollte bewusst sein, das eine Verhaltensänderung Zeit braucht. Vor allem wenn es um ein Verhalten geht, das für den Azubi selbstverständ- lich ist. Wenn ich Sie auffordern würde, ab morgen beim Anziehen zuerst mit dem anderen Bein in die Hose zu schlüpfen, werden Sie das sicherlich nicht sofort umsetzen können. Wenn man sich bewusst macht, dass Verände- rung ein längerer Prozess ist, begegnet man dem Auszubildenden auch anders. Wie setzt man diesen Veränderungs- prozess beim Azubi in Gang? Wenn ein Problem erst einmal identi- fiziert ist, hilft es, gemeinsam mit dem Wichtig ist, auf sein Bauch- gefühl zu hören und nicht lange abzuwarten, bis man auf problematisches Verhalten reagiert. Im Interview TANJA KÖHLER ist Coachin für Führungskräfte und Ausbil- derin. Sie hat viel Erfahrung mit schwierigen Azubis: Ihre Projekte „Jungs bewegen WAS!“ und „Auszubildende werden fit!“ wurden 2008 und 2010 von der Initiative Land der Ideen ausgezeichnet. Um auch bei schwierigen Auszubildenden zu einem guten Ergebnis zu kommen, sollte man auch die eigene Haltung überdenken.

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